Raja: Vom Knast zum College

Straßen-Kinder. Allein die Wortkombination lässt einen erschaudern, denn hier passt nichts zusammen: Mit dem Begriff Strasse assoziiere ich nicht eine behütete Kindheit, die Fürsorge zu Hause, die Liebe der  Mutter, das unbeschwerte Spielen, sondern Kampf ums Überleben, Schutzlosigkeit und Gefahr. Die Zahlen zu Straßenkindern in Indien sind widersprüchlich, aber eigentlich auch egal. Ob es nur 236 oder zehntausend Straßenkinder in der Stadt Vijayawada sind oder 10 Millionen in ganz Indien. Jedes einzelne Kind ist zuviel.

Wie ist es möglich, dass  Kinder jahrelang, unbehelligt  auf der Straße leben können? Warum werden sie nicht schon nach Tagen von Sozialarbeitern, der Polizei und Hilfsorganisationen aufgegriffen und den Eltern zurückgebracht? So lauteten unsere naiven Fragen an ehemalige Straßenkinder und an die Leute von Care & Share in Vijayawada. Nachdem wir dann den Geschichten der Kinder und Helfer zugehört hatten, konnten wir uns ein Bild machen:

In Indien, wie sicherlich in vielen anderen Ländern, ist das Dasein als Straßenkind nur eine andere Möglichkeit aufzuwachsen. Für einige der betroffenen Kinder schien es die bessere Wahl, als von den Eltern oder Stiefeltern verprügelt, missbraucht oder einfach nur vernachlässigt zu werden. Hinzu kommt, dass Straßenkinder wohl ein notwendiger Teil der indischen Ökonomie sind. Viele kleine Ladenbesitzer, Teestubenbetreiber und andere Kleinunternehmer greifen auf Straßenkinder zurück, um kurzfristig billig und ohne Probleme Arbeiten durchführen zu lassen. Es gibt in Vijayawada eine Jobbörse für Straßenkinder. An einer Brücke im Stadtzentrum warten die Kinder auf die Arbeitgeber, die vom Auto oder Motorrad aus das Angebot betrachten und ihre Auswahl für den Tag treffen.

Der Anblick von herumlungernden, ungewaschenen, in Lumpen gekleideten und bettelnden Kindern ist für jeden Ordnungshüter eine Zumutung. Folglich werden immer wieder solche Kinder aufgegriffen. Aber wohin damit? Hier wird symbolisch Politik gemacht - nach dem Motto: Aus den Augen aus dem Sinn - werden die Straßenkinder in die sog. „Observation homes“ gesteckt. Die störenden Jugendlichen werden einfach weggesperrt. Es ist nichts anderes als ein Jugendknast ohne Gerichtsverhandlung, ohne Rechtsbeistand aber mit Höchststrafe: Einsperren bis zur Volljährlichkeit ohne ein Verbrechen begangen zu haben. Dieses Schicksal hätte auch Raja geblüht, wenn Care & Share ihn nicht gerettet hätte.