Eine klassische Alternative

Unser erster Besuch im Musikprojekt




Am 8.4.08 besuchten wir das Musikprojekt „Music Brings Hope and Opportunity to Youth in Rio“ in Niteroi, einem Stadtteil von Rio de Janeiro. Im Bild acht der über 200 Kinder und Jugendliche, die hier ein „zweites Zuhause“ gefunden haben.





Die Geschichte des kleinen 11jährigen Louis Carlos, der hier mit einer Ukulele übt, hat uns besonders berührt. Über ihn werden wir in den nächsten Tagen mehr erzählen…

„Bamba“ - eine Frau mit großem Herz

Wir wollen sehen, wie und wo Louis Carlos lebt und besuchen ihn im Haus seiner Tante, genannt „Bamba“. Und schon sind wir mitten in einer dieser Familiengeschichten, die mit ein Grund dafür sind, dass sich Elend und Chancenlosigkeit über Generationen zu „vererben“ scheinen.

Bamba, heute 45 Jahre alt, muss als allein stehende Mutter ihre vier Kinder mit Gelegenheitsjobs durchbringen. Erst mit 38 bekommt sie Papiere, wird „offiziell“ und darf überhaupt erst legal arbeiten. Aber wie in vielen Ländern der Dritten Welt bleibt ihr als Frau nur ein schlecht bezahlter Putzjob in einem Haushalt.

Louis Carlos, Louis Ricardo und „Bamba“ (v.l.n.r.)

Ihr Bruder, der selber sechs Kinder zu versorgen hat und schon immer mit seiner Alkoholsucht zu kämpfen hatte, stürzt völlig ab, als seine Frau ihn und die Kinder von einem Tag auf den anderen verlässt. Jetzt trinkt er nur noch und die kleinen Kinder bleiben sich selbst überlassen.

So weit ist es nur eine weitere Leidensgeschichte, ein Protokoll des Scheiterns. In einem solchen Szenario scheint die Rolle für den kleinen Louis Carlos vorgegeben. Sein Leben beginnt gleich mit einem fast uneinholbaren Rückstand im Vergleich zu seinen Altersgenossen aus der Mittelschicht.

Bamba kann nicht länger zuschauen und übernimmt die Verantwortung. Mit ihrem geringen Gehalt ernährt sie nicht nur ihre eigene Familie, sondern auch die Kinder ihres Bruders. Und sie nimmt den kleinen Louis Carlos wie ein eigenes Kind bei sich auf. Eine bewundernswerte Frau, die sich trotz Armut ein großes Herz „leistet“ und Louis Carlos die Chance eröffnet, dem Schicksal seines Vaters zu entkommen.


Ein musikalisches Ying und Yang

Seit Dienstag, dem 8.4.08 filmen wir das Projekt „Music Brings Hope and Opportunity to Youth in Rio“ von Lenora und Marcio. Bei unseren Recherchen sind wir immer nur auf Marcio gestoßen, so war er in den verschiedenen Publikationen und Videos die Person, die als Projektleiter in Erscheinung trat. Aber eigentlich ist das Orchester de Cordas da Grota ohne Marcios Frau Lenora ganz unmöglich. Die beiden sind, wie die Bunte sagen würde, ein „Power Paar“. Die Tatsache, dass beide vier Töchter haben und gleichzeitig berufstätig sind und das Projekt nun seit 15 Jahren leiten, ist bemerkenswert. Sie haben einen Studienaufenthalt in den USA hinter sich und vielleicht muss man über den Tellerrand geschaut haben, um vor Ort im „Kleinen“ aktiv zu werden. 

Erste Reihe (v.l.n.r.) Marcio Selles, Louis Carlos und Lenora Mendes

Aber das ist noch nicht das Besondere. Das Besondere ist das Ying und Yang der Beziehung, das Trennende und die tiefe gemeinsame Übereinstimmung, die beide ganz selbstverständlich ausstrahlen, was uns fasziniert. Konkret: Marcio bringt es mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit fertig, uns beim ersten Treffen fast zwei Stunden warten zu lassen. Lenora wiederum gelingt es, uns Deutsche, die kurz vor der Explosion stehen, zu beruhigen und ein wirkliches Gespräch zu beginnen, obwohl die Fahrweise von Marcio und der Verkehr in Rio das nicht erwarten lassen. Kurze Zeit später hat uns allerdings auch Marcio mit seinem Humor (er lacht besonders gern über sich) und seiner ansteckenden Begeisterung für die Musik eingenommen.

Es sind gerade nicht die üblichen Rollenklischees, die die beiden bedienen. Es ist das klar strukturierte, analytische der kleinen, zierlichen Lenora. Es ist das feinfühlige, emphatische von Marcio. Es ist die Selbstverständlichkeit mit der Lenora Marcio den Platz schafft, den er braucht, um in seiner Musik aufgehen zu können. Es ist das Wissen von Marcio, daß er Lenora braucht, um so (auch chaotisch) kreativ arbeiten zu können. In dieser Kombination ein Segen für das Projekt. Hut ab vor Ihrem Engagement.

Für weitere Informationen s. www.reciclarte.org.br

 www. espacoculturaldagrota.org.br