Cut!

Video-workshop in der Favela Morro dos Prazeres

So, das sind die bewegten Bilder zu unserem ersten kleinen Video-workshop, den wir in Brasilien gegeben haben. Im Blog vom 13. Mai 2008 hatten wir unter der Überschrift „Drehgenehmigung vom Dealer“ schon dazu etwas geschrieben.


Was wir im Blog bisher darüber geschrieben haben:

13. Mai 2008  Drehgenehmigung vom Dealer

Wir hatten schon von Charles erzählt und unserem abendlichen Besuch in der Favela Prazeres (Two shotguns and a view). Am Sonntag waren wir noch einmal dort, weil Charles uns seine Video Gruppe vorstellen wollte und selber einen Film drehen möchte über das Leben in den Favelas aus Sicht der Jugendlichen. Seine Idee finden wir klasse und wollen sie unterstützen. Bisher haben wir alles aus unserer europäischen Perspektive betrachtet. In Zukunft sollen Charles und sein Galera-Team ihre Bilder, ihre Wahrheit liefern. Unser Mini-workshop am Sonntag soll ihnen dabei helfen.

Charles arbeitet seit 7 Jahren in der Favela Prazeres und seit zwei Jahren in der benachbarten Favela Julio Otoni. Der Sozialarbeiter „tanzt“ also in zwei Favelas. Wieso „tanzt“? Nun, Charles hat eine interessante Biographie. Er stammt aus dem Norden Brasiliens, kommt aus einer Familie mit 10 Kindern und ist nach Rio zugewandert. Er hat eine Banklehre gemacht und als Banker gearbeitet. Gleichzeitig ist er begeisterter Tänzer und mit seiner Tanzgruppe auch schon in München aufgetreten. Irgendwann hat er sich dann entschieden, die bürgerliche Karriere an den Nagel zu hängen und ist seitdem mit Herz und Seele Sozialarbeiter für Kinder und Jungendliche. Er will ihnen Alternativen zur normalen Favela-Karriere (Drogendealer, Putzfrau, Schuhputzer, Müllsammler an den Touristenstränden, etc.) aufzeigen.

Die kleinere Favela Julio Otoni (ca. 1000 Bewohner) ist im Moment ohne „Regierung“. Die lokalen Dealer sind verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. In der größeren Favela Prazeres (ca. 7000 Bewohner) ist die Macht der Dealer ungefährdet. Hier ist jede Aktivität abhängig von der Zustimmung der „Prinzipals“, wie Charles sie nennt. So war es selbstverständlich, dass Charles erst den obersten Boss um Erlaubnis fragen musste, bevor wir in die Favela durften.

Die brasilianische Gesellschaft hat die Menschen in den Elendsquartieren sich selbst überlassen. Es ist zwingend, dass sich dann „eigene“ Machtstrukturen herausbilden. „Economy, stupid“ würde Clinton jetzt sagen. D.h. konkret, dass natürlich die die Macht haben, die das meiste Geld haben, also die Drogendealer. Da ist es nur zu verständlich, dass viele Jugendliche lieber für Drogendealer arbeiten, als auf den staatlichen Mindestlohn von 260 Dollar im Monat angewiesen zu sein. Einen solchen potentiellen Arbeitgeber verrät man nicht! Für Charles ist die Arbeit in der Favela ein ständiger Drahtseilakt. Er will den Jugendlichen eine Alternative schmackhaft machen, darf aber die Macht der Gewehre, die Brutalität und Aggressivität der Machos mit Pistolen nicht wirklich in Frage stellen. So wirkte es schon grotesk, dass wir bei unseren Dreharbeiten in der Favela im Zusammenhang mit unserem „workshop“ für die Videogruppe, ständig unter Aufsicht waren und jede Einstellung von „Kontrolleuren“ abgenickt werden musste. Ein klares „No No“ waren Bilder vom „Umschlagplatz“ der Drogen mit Dealern und Gewehren. Als wir die Favela gerade verließen, bat der  „diensthabende“ Dealer höflich um eine Kopie des Materials...


Wie kann es weitergehen?

Unsere Antwort: up4change.tv


Wie schafft man Vertrauen im Internet, wenn doch direktes Erleben und unmittelbare Erfahrung fehlen? Unser Ansatz: Es bedarf der Bilder, der Töne, der erzählten Geschichten, der technischen Kommunikation, um ein solches Vertrauen aufzubauen. Als Filmemacher und Videojournalisten ermöglichen wir Hilfsorganisationen mit unserer multimedialen Online-Plattform up4change.tv eine lebendige Kommunikation zwischen Spendern, Betroffenen und Projektverantwortlichen. Videos, Audio-Slideshows und Video-blogs sind aus unserer Sicht die Mittel der Wahl. Im Idealfall liefern die Betroffenen selber die Inhalte. Die Video-Schulung für Jugendliche in Brasilien war erst der Anfang. Jetzt - einige Monate später - sind wir wieder ein Stück weiter: Wir wollen nicht nur für Charles und seine Gruppe workshops organisieren, wir wollen ein Netz von zukünftigen Videojournalisten über die nächsten Jahre weltweit aufbauen. Die sollen dann über ihre eigenen Hilfsprojekte berichten, aber auch über andere.