Wenn Armut krank macht ...

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Christiane lebte mit ihren vier Kindern in einem Verschlag in einer Favela keine 600 Meter Luftlinie von der berühmten Copacabana entfernt. Lebensumstände, die nichts mit der Glitzerwelt des Touristenmagneten zu tun haben. Das Photo links (wir haben es am Freitag im Nachbarhaus aufgenommen) zeigt den allgegenwärtigen Schimmel an den Wänden der dunklen, feuchten Wohnungen der Favelas.


                                     

 

Kein Wunder, dass Christianes Zwillinge Lais und Laura ständig krank waren und an Lungenentzündungen und Allergien litten – typische Krankheiten der Favelakinder. Besonders schwer traf es Lais, damals 4 Jahre alt, die immer wieder ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Fünf verschiedene Kliniken, niemand konnte helfen. Die sechste Station war das „Hospital da Lagoa“.

 

                                     

 

Hier treffen sie auf Vera Cordeiro. Die Ärztin hatte bei ihrer Arbeit auf der Kinderstation festgestellt, dass viele Kinder mit bestimmten Krankheiten immer wieder eingeliefert, behandelt, entlassen und wieder eingeliefert wurden. Statt vor diesem scheinbar unentrinnbaren Kreislauf zu kapitulieren, entwickelte sie einen konkreten Aktionsplan für betroffene Familien. Christiane nahm mit ihren Zwillingen daran teil.

                                      

 

Sie erhielt eine umfassende medizinische Betreuung mit Ernährungsberatung, psychologischer Hilfe, Bereitstellung von Lebensmitteln und Medikamenten. 

                                       

 

Der Aktionsplan bietet darüber hinaus Qualifizierungskurse für Frauen an, damit sie ein eigenes Einkommen erzielen und unabhängig werden können. Christiane nutzte das komplette Angebot. Heute hat sie ihren eigenen Friseursalon in ihrem Haus.

          

                                       

 

Dank des Projektes hat sich ihre Wohnsituation vollkommen verändert. Das Haus wurde von Grund auf renoviert und auf einen Stand gebracht, der eine nachhaltige Gesundung der Kinder ermöglichte. Christiane kann jetzt zu Hause arbeiten und sich viel besser um die Erziehung ihrer Kinder kümmern, die beide gerne lesen und zur Schule gehen.

 

Mit Hilfe des projekteigenen Rechtsanwaltes besitzt Christiane jetzt einen Personalausweis und damit auch eine Identität.

www.criancarenascer.org.br


Social Entrepreneur

oder

Vera Cordeiro, die Ärztin mit dem McKinsey-Faktor

Für uns war der Begriff Social Entrepreneur bisher etwa so attraktiv wie Paris Hilton: Eine typische, amerikanische Leerstelle, eine ultimative Stilisierung. Attitüde statt Inhalt, Fassade statt Realität. Sie merken, wir waren von der Idee eines kapitalistischen Wohltäters wenig begeistert.

Und wie immer, wenn man es sich in seinem Weltbild - aus Denkfaulheit und Verliebtheit in die eigenen Vorurteile - schön bequem gemacht hat, stößt einem die Realität auf völlig neue Dinge. Wir machen Erfahrungen, die uns dazu bringen, alte Vorurteile und Glaubenssätze in Frage zu stellen (s. „Social Entrepreneur“ bei Wikipedia).    

Die brasilianische Realität für Kinder aus den Favelas ist, dass ihre Eltern keine Krankenversicherung haben, z. T. für den Staat gar nicht existieren, weil sie keine Papiere besitzen. Wenn solche Kinder krank werden, passiert folgendes: Chronische Krankheiten entwickeln sich und die Kleinen müssen immer wieder ins öffentliche Krankenhaus eingeliefert werden. Ein solcher „Drehtüreffekt“ kann nicht allein medizinisch gelöst werden. Die Ärztin und soziale Unternehmerin Vera Cordeiro erkannte das immense soziale Problem. Ihre Lösung: Spendengelder finanzieren den sog. „Family Action Plan“. Wird das soziale Umfeld des Kindes verbessert, kann es auch gesund werden. Das ist das Credo des Unternehmens „Crianca Renacer“. So eine Organisation von über 100 Freiwilligen und fast 40 hauptberuflichen Mitarbeitern ist in der brasilianischen Gesellschaft nur zu führen, wenn man die Mechanismen der Marktwirtschaft auch beherrscht.

 

 Die Ärztin und Sozialunternehmerin Dr. Vera Cordeiro

Im Projekt hofft und wartet niemand auf den Staat, auf die „Wohltaten“ der Gesellschaft, hier wird konkret geholfen, Perspektiven für die Eltern entwickelt und das alles in einem Prozess, der die Hilfsbedürftigen nicht zu Bettlern degradiert. Dieses Modell wird mittlerweile in über 20 Krankenhäusern in Brasilien erfolgreich angewendet und der Export in andere Länder steht an.

 Link zum Projekt: www.criancarenascer.org.br



Die Mutter der Mütter?

Bei unserem Interview mit Vera Cordeiro gab es einen intensiven Moment. Weil Muttertag vor der Tür steht, hatten wir sie gefragt, ob sie die Mutter der Favelamütter sei? Diese Frage rührte sie und unter Tränen erzählte sie uns warum: An einem Tag als sie ihre eigenen Kinder mit Fieber zu Hause zurück gelassen hatte, um im Krankenhaus zu arbeiten, nannte sie eine Patientin die „Mutter der Straße“. Vera ist sich bewusst, dass sie nie eine „normale Mutter“ war und einen persönlich hohen Preis für ihre Arbeit zahlt. Aber sie würde es immer wieder machen.

Marcio und Lenora vom „Musikprojekt“ www.espacoculturaldagrota.org.br haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Marcio hatte z.B. immer seine eigene Mutter kritisiert, die Favelakinder kostenlos unterrichtete. Heute kritisieren ihn und seine Frau Lenora ihre vier Töchter für ihr zeitintensives Engagement. Die Kritik seiner Töchter versteht Marcio gut und empfindet sie als gerechtes „Pay-back“.

Uns stimmen die persönlichen Erfahrungen der Projektleiter nachdenklich. Geht es immer auf Kosten der eigenen Familie, wenn man fremden Kindern hilft? Passt die professionelle Identität - ob als Ärztin, Lehrer oder Manager - nicht mit der privaten Identität als Mutter/Vater zusammen? Vielleicht ist es gut, dass es die perfekten Menschen nicht gibt, vielleicht braucht man die Erfahrung des Scheiterns, um verständnisvoll und emphatisch zu reagieren. Auch diese Form von Transparenz und Offenheit finden wir sehr sympathisch.