Wenn Armut krank macht ... www.globalgiving.com/651
Christiane
lebte mit ihren vier Kindern in einem Verschlag in einer Favela keine
600 Meter
Luftlinie von der berühmten Copacabana entfernt. Lebensumstände, die nichts mit der Glitzerwelt
des
Touristenmagneten zu tun haben. Das Photo links (wir haben es am
Freitag im
Nachbarhaus aufgenommen) zeigt den allgegenwärtigen Schimmel an den
Wänden der dunklen,
feuchten Wohnungen der Favelas.
 
 
Kein
Wunder, dass Christianes Zwillinge Lais und Laura ständig krank waren
und an
Lungenentzündungen und Allergien litten – typische Krankheiten der
Favelakinder.
Besonders schwer traf es Lais, damals 4 Jahre alt, die immer wieder ins
Krankenhaus eingeliefert werden musste. Fünf verschiedene Kliniken,
niemand
konnte helfen. Die sechste Station war das „Hospital da Lagoa“.
  
   
Hier
treffen sie auf Vera Cordeiro. Die Ärztin hatte bei ihrer
Arbeit auf der
Kinderstation festgestellt, dass viele Kinder mit
bestimmten Krankheiten immer wieder eingeliefert, behandelt, entlassen
und wieder
eingeliefert wurden. Statt vor diesem scheinbar unentrinnbaren
Kreislauf zu
kapitulieren, entwickelte sie einen konkreten Aktionsplan
für betroffene Familien. Christiane nahm mit
ihren Zwillingen daran teil.
   
 
Sie erhielt eine umfassende
medizinische Betreuung
mit Ernährungsberatung, psychologischer Hilfe, Bereitstellung von
Lebensmitteln
und Medikamenten.
   
 
Der Aktionsplan bietet darüber
hinaus
Qualifizierungskurse für Frauen an, damit sie ein eigenes Einkommen
erzielen
und unabhängig werden können. Christiane nutzte das komplette Angebot.
Heute
hat sie ihren eigenen Friseursalon in ihrem Haus.
 
   
Dank des Projektes hat sich ihre
Wohnsituation vollkommen
verändert. Das Haus wurde von Grund auf renoviert und auf einen Stand
gebracht,
der eine nachhaltige Gesundung der Kinder ermöglichte. Christiane kann
jetzt zu
Hause arbeiten und sich viel besser um die Erziehung ihrer Kinder
kümmern, die
beide gerne lesen und zur Schule gehen.
   
Mit Hilfe des projekteigenen
Rechtsanwaltes besitzt
Christiane jetzt einen Personalausweis und damit auch eine Identität.
www.criancarenascer.org.br
Social
Entrepreneur
oder
Vera
Cordeiro, die Ärztin mit dem McKinsey-Faktor
Für
uns war der Begriff Social Entrepreneur bisher etwa so attraktiv wie
Paris
Hilton: Eine typische, amerikanische Leerstelle, eine ultimative
Stilisierung.
Attitüde statt Inhalt, Fassade statt Realität. Sie merken, wir waren
von der
Idee eines kapitalistischen Wohltäters wenig begeistert.
Und
wie immer, wenn man es sich in seinem Weltbild - aus Denkfaulheit und
Verliebtheit in die eigenen Vorurteile - schön bequem gemacht hat,
stößt einem
die Realität auf völlig neue Dinge. Wir machen Erfahrungen, die uns
dazu bringen,
alte Vorurteile und Glaubenssätze in Frage zu stellen (s. „Social
Entrepreneur“
bei Wikipedia).
Die
brasilianische Realität für Kinder aus den Favelas ist, dass ihre
Eltern keine
Krankenversicherung haben, z. T. für den Staat gar nicht existieren,
weil sie
keine Papiere besitzen. Wenn solche Kinder krank werden, passiert
folgendes: Chronische Krankheiten entwickeln sich und die Kleinen
müssen immer
wieder ins öffentliche Krankenhaus eingeliefert werden. Ein solcher
„Drehtüreffekt“ kann nicht allein medizinisch gelöst werden. Die Ärztin
und
soziale Unternehmerin Vera Cordeiro erkannte das immense soziale
Problem. Ihre
Lösung: Spendengelder finanzieren den sog. „Family Action Plan“. Wird
das
soziale Umfeld des Kindes verbessert, kann es auch gesund werden. Das
ist das
Credo des Unternehmens „Crianca Renacer“. So eine Organisation von über
100
Freiwilligen und fast 40 hauptberuflichen Mitarbeitern ist in der
brasilianischen Gesellschaft nur zu führen, wenn man die Mechanismen
der
Marktwirtschaft auch beherrscht.

Die Ärztin und
Sozialunternehmerin
Dr. Vera Cordeiro
Im
Projekt hofft und wartet niemand auf den Staat, auf die „Wohltaten“ der
Gesellschaft, hier wird konkret geholfen, Perspektiven für die Eltern
entwickelt und das alles in einem Prozess, der die Hilfsbedürftigen
nicht zu Bettlern
degradiert. Dieses Modell wird mittlerweile in über 20 Krankenhäusern
in
Brasilien erfolgreich angewendet und der Export in andere Länder steht
an.
Link
zum Projekt: www.criancarenascer.org.br
Die
Mutter der Mütter?
Bei
unserem Interview mit Vera Cordeiro gab es einen intensiven Moment.
Weil
Muttertag vor der Tür steht, hatten wir sie gefragt, ob sie die Mutter
der
Favelamütter sei? Diese Frage rührte sie und unter Tränen erzählte sie
uns
warum: An einem Tag als sie ihre eigenen Kinder mit Fieber zu Hause
zurück
gelassen hatte, um im Krankenhaus zu arbeiten, nannte sie eine
Patientin die „Mutter
der Straße“. Vera ist sich bewusst, dass sie nie eine „normale Mutter“
war und einen
persönlich hohen Preis für ihre Arbeit zahlt. Aber sie würde es immer
wieder
machen.
Marcio
und Lenora vom „Musikprojekt“
www.espacoculturaldagrota.org.br
haben ähnliche
Erfahrungen gemacht. Marcio hatte z.B. immer seine eigene Mutter
kritisiert,
die Favelakinder kostenlos unterrichtete. Heute kritisieren ihn und
seine Frau Lenora
ihre vier Töchter für ihr zeitintensives Engagement. Die Kritik seiner
Töchter
versteht Marcio gut und empfindet sie als gerechtes „Pay-back“.
Uns
stimmen die persönlichen Erfahrungen der Projektleiter nachdenklich.
Geht es
immer auf Kosten der eigenen Familie, wenn man fremden Kindern hilft?
Passt die
professionelle Identität - ob als Ärztin, Lehrer oder Manager - nicht
mit der
privaten Identität als Mutter/Vater zusammen? Vielleicht ist es gut,
dass es
die perfekten Menschen nicht gibt, vielleicht braucht man die Erfahrung
des
Scheiterns, um verständnisvoll und emphatisch zu reagieren. Auch diese
Form von
Transparenz und Offenheit finden wir sehr sympathisch.
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